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Gutenzweck "Nein! Ja! Nein- wie nett!". Mehr Worte könnte ich sowieso nicht gegen diesen Schwall von "Ach-wie-schön-dass-sie-in-unser-Dorf-gezogen-sind"- Begrüßungen erwidern und schon sitzen ihre messerscharfen, teleskopartigen Blicke in jeder noch so kleinen Ecke, finden alle feinsäuberlich liegengelassenen Staubbälle, wischen gedanklich über die Küchenarbeitsplatte und saugen sich zu guter Letzt an den uralten und auch leicht undurchsichtigen Fensterscheiben fest. Bevor meine Nachbarin mit gesenktem und verschwörerischem Blick leise in mein Ohr hineinsäuselt: "Hören sie mal, sind sie nicht die Enkeltochter von dem alten Bürgermeister?" hat sie ihre Augen schon durch die offenstehenden Glasflügeltüren des Wohnzimmers gleiten lassen und mit einem Sekundenblick die Möbel, Wand und den Boden inspiziert. Was für ein Glück, dass ich eben noch die Wäschekörbe zuende gefaltet und schon nach oben in die erste Etage getragen habe..... Sie ist ausgesprochen freundlich und sammelt natürlich für den bekannten Gutenzweck und sie weiß ja eigentlich nichts über mich, aber bei dieser ersten privaten Frage ahne ich, dass sie viel über mich weiß, oder vielleicht alles und was ist, wenn sie mehr weiß als ich? Was habe ich die letzten 40 Jahre wissentlich nur alles gemacht? Oh mein Gott, und wenn sie wirklich mehr weiß? Kleine wilde Horrorszenarien laufen vor meinem inneren Auge ab:...das gestohlene Kind des letzten amtierenden Stammeshäuptlings der Siouxindianer an der Hand durch ein dichtes Gewirr von Mangrovenwälder fliehend, gefolgt von einer blutrünstigen Nackthundeschlittenmeute,....Nein,.Nein!Habe ich nicht erlebt, dass kann sie also nicht wissen,.oder doch?- Da bemerke ich, dass sie mit einem Fuß auf dem Treppenabsatz nach oben steht und mir fallen schlagartig die Wäschekörbe ein, die sich mit großer Sicherheit von alleine geklont haben und nun zu Hunderten auf der Galerie darauf warten von den fliegenartigen Augen dieser wandelnden Dorfkolummnistin entdeckt zu werden ."Wie kommen sie denn so zurecht?" "Ja gut, lieben Dank für die Nachfrage "- verzweifelt überlege ich, wie ich sie da, genau von diesem Treppenabsatz herunter bekomme, ohne das sie Verdacht schöpft. Mit einem Hechtsprung die nur einen Schritt entfernt an der Stuhllehne hängende Tasche nebst Portemonnaie an mich reißend lege ich ihr, vorsichtig aber mit Nachdruck meine Hand nachbarschaftlich auf die Schulter, suche mit zittrigen Finger der noch freien Hand nach dem alten, weichen Leder der Geldbörse, schiebe die sich leicht wehrende ältere, aber kräftige und mit rheinischvererbter Grundneugierde ausgestattete, leise, bedrohlichknurrende Nachbarin von der Stufe, während sie sich am alten, dicken Eckpfosten des Treppengeländers fest zu klammern versucht. Keuchend zischt mir ein gepresstes :"Das wäre ...
Farbgewalt ...feinkarmensinrotduftenden Mehles. Weichwarm zerfließen hellockerbraune Milch und frischgrüne Vanille zu einem schleifenwedelnden Moosgrün gemeinsam in der Pfanne- ein Klangmeer aus Sonnengelb - und lichtblausimmernde Köchelwogen bildend, selbst durch das langsame Erkalten und Abschwellen der erdfarbennahen Geruchsmischung nicht an Intensität verlierend. Feinritzendesonnengelb Risstöne von zerschlagener Eierschale zerfließen mit farbenprächtiger Mehlschwitze, herbstbraunem Eigelbgeruch zu einer langsam erkaltenden Masse. Der insicheisblauknisternde Eischnee empfängt frischrotleuchtenden Zucker, gespickt mit braunwürzigem Mohn herrlich hermelingetupft die zu einem matten Rose abgekühlte Masse. Ein blauschwarzseufzender Schabton der untergehobenen Paste fällt leicht kellergraueintropfend in orangebutterbezogene Kleinformen , von dort in eine kalte, klare, ofentürfarbtongetränkte Hitze....
Drachen und andere Schwestern ...Rauf. Runter. Rauf. Runter. "Jeht nicht! Sehen se...ett jeht nicht" "Da mussen sie nehmen andere Seite!" Mein Bettnachbar ist ein netter älterer Herr um die 70. Verdacht auf erneuten Schlaganfall und ein echter Rheinländer. "Na, wenn Bett nicht geht,...mussen sie schlafen jetzt- ja!?!" Rauf. Runter. Rauf. Runter. "Aber... Bett muss gehen. Ich fahr noch Rücken- ja?" Die rigorose und hilfsbereite russische Krankenschwester drückt unterschiedliche Knöpfe. "Juut! Haben se denn auch noch eine Kleinigkeit zu Essen? Wissen se,...ich hab Nachts immer noch so jroossen Hunger." "Ich weiß nicht. Küüche ist geschloossen...kann gucken... gleich. Ja!" Rauf. Runter. Rauf. Jetzt sitzen beide gemeinsam auf dem Bett und versuchen es mit dem Fußteil. "Jung- da liegt datt Handy also auch unten". Nach dem Portemonnaie, der Lesebrille und dem Schlafanzug klappert das Mobiltelefon auf den Boden. "Ich hole das- warten sie". Runter. Rauf. "Oh...Bett geht von alleine rauf." "Juute Frau- datt jeht ja doch...datt Bett" "Ja!" Runter "So,...jetzt sind wir unten. Gehen sie nicht an Bedienung. Ja! NICHT DRUCKEN! Kommt ein neues Bett.Ja!" Sie eilt aus dem Zimmer. Ich höre hinter dem Trennvorhang ein leises Surren und sehe das Bettende meines Nachbarn am Ende des Raumtrenners. Rauf. "Jeht doch! Watt sacht die denn, die Schwester." Zufrieden grinst er mich durch einen Vorhangspalt an....
Friedhofsblumen ... Sie schreit nicht,...sie röchelt. Das rasselnde Grundgeräusch kriecht aufgepeitscht ausharrend im Oberton einer gequälten Katze. "Ich habe die eben erst gewaschen. Widerlich- der Gestank. ...dass wir kein Deo benutzen dürfen. Widerlich!!" Gummisohlen quietschen über den blaugemusterten Linoleumboden. Die Tür schnappt mit einem kleinen kurzen "Klekk" ins Schloss. Langsam drehe ich mich um. Ihr Gesicht ist grau, die Haare kleben verschwitzt in wirren Strähnen auf der zerfurchenen Stirn -in den runzeligen Mundwinkeln wachsen lange borstige Stoppeln. "Heute sehen sie aus wie ein alter Wischmopp". Sie reagiert nicht. Antriebslos starrt sie durch mich hindurch. Das sie mich hören kann weiß ich seit Gestern. Als die Mitternachtsrunde mit einem "Klekk" endet und der Flur die Gummisohlen verschluckt hat, steht es mitten im Raum- mitten zwischen uns: "Saubande!!" Brüchig und dennoch raumfüllend. "Saubande!!" Sie starrt mich an. Fast zufrieden blinzelt sie mir zu. ...
Frau Müsdach Frau Müsbach ist klein, zerbrechlich, schrumpelig und rosefarben. Sie liegt den ganzen Tag in ihrem Gitterbett und starrt schweigsam die Wand vor sich an. Bei Säuglingen nennt man die kahle Stelle am Hinterkopf "Liegeglatze", was sämtliche Erklärungen hierzu schon erübrigt... Aber wie heißt der flachgelegene, verfilzte Hinterkopf Erwachsener? Liegbrache? Liegefilz? Frau Müsbach hat einen ausgeprägten grauen Liegefilz und redet nur bei Bedarf- ihrem inneren Bedarf. Sonst nicht. Nie. Gestern Nacht bin ich nicht mehr an ihrem Bett vorbei zum Badezimmer gegangen, weil ich mir sicher war, dass man in diese kleine, ruhige, durchsichtige und fast unheimliche Frau hineinfallen könnte. Einfach so. Aufstehen, vorbeigehen und PENG - weg. Dann wäre man mitten in ihr und sie müsste überall mit hin, weil sie ja dann zwei Leben leben müsste- wenn es überhaupt jemand bemerken würde. Vielleicht wären auch alle nur überrascht, wo denn die Frau aus Bett 3 von Zimmer 11 so lange bleibt. Wenn man so mirnichtsdirnichts in sie fallen kann, muß man doch auch so mirnichtsdirnichts wieder aus ihr herausfallen können. Nur wo? Aus der Nase? Aus einem Ohr, oder zeitgleich aus beiden Ohren? Oder könnte Frau Müsbach einen ausfurzen? Das wollte ich nicht. Da müsste ich mit ihr noch einmal drüber reden. Jetzt liegt sie gerademajestätisch aufgebockt in ihrem Gitterbett und vollbringt irgendwo in der Welt ihre Wunder, die sie alleine schon durch bloßes dauerfixieren der gegenüberliegenden Wand geschehen lassen kann. Frau Müsbachs/Müsbäche haben immer IMMER dünne Nachthemden mit kl. Streublumen an. Aus dem Holzspinnt mit dem Wiedererkennungspunkt BLAU lugt die untere Ecke ihres Regenmantels hevor: Rentnerbeige. ...
Innen I Wenn ich die Wand entlang suche- mit meinen augen, finde ich immer wieder eine made. langsam schiebt sie ihren weichen weißen schlauch an meiner nase vorbei. die wand mag sie nicht, weil wände nichts mit maden anfangen können. ich habe schon oft versucht diese maden abzusammeln. sie sind nicht sehr schnell, aber sie wohnen irgendwo. die wand kenne ich. die made nicht. wenn ich sie einsammle und vor die hauswand lege kommt sie wieder zurück. nachts, wenn die wände näher sind höre ich das madenziehen an meinem ohr- an....
Unleb Ich habe nie gelebt. Celebraler Geburtsschaden; Unterentwicklung aller Gehirnregionen. Mein Dasein: atmen, schlafen, ernähren, ausscheiden. Meine Mutter lebt seit 34 Jahren nur für mich. Einfältig und dumm genug ihr Leben gegen meines zu tauschen. Einen Vater habe ich nicht. Die Zeugung- der Höhepunkt in seinem Leben. Bahnhofsalkoholiker. Heute Abend sterbe ich. Meinen letzen Tag verbringe ich in einem Krankenhaus. Ständige Schichtwechsel- jeder darf einmal. Ärzte kommen, gehen. Pfleger ziehen an den Kathedern- intubierte Mastgans. ...
Ausschnitte aus "Gutenzweck" , "Farbgewalt", "Drachen und andere Schwestern", "Frau Müsdach", "Innen I" und "Unleb"
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© Charlotte Kons und VG WORT